Menschenhandel und ZwangsProstitution

Die Schnittstelle von Menschenhandel und Prostitution bestimmt viele Debatten und politische Überlegungen. Dies ist nicht überraschend, denn die Gesetze, welche Menschenhandel definieren, umfassten zunächst Menschenhandel UND Prostitution. Die Bewegung gegen den "Weißen Sklavenhandel", ein Begriff der Progressiven Ära (1880 - 1920), mit dem das Konzept des Menschenhandels beschrieben wurde, hatte vor allem Migrantinnen und minderjährige Frauen im Fokus, die in den USA und Europa in der Prostitution tätig waren.[1]

Als sich diese Bewegung anpasste und sich sowohl in den internationalen Räten, als auch in den lokalen Regierungen Gesetze zu entwickeln begannen, wuchs das Interesse an der Trennung von Prostitution und Menschenhandel aus zwei primären Gründen: Erstens betrifft die Definition von Menschenhandel als Form moderner Sklaverei auch Männer, und zweitens wurde in Frage gestellt, ob alle Ausdrucksformen der Prostitution gleichzeitig Menschenhandel darstellen. Seitdem die rechtliche Definition des Menschenhandels im Palermo-Protokoll der Vereinten Nationen (2000) konkretisiert worden ist, haben sich drei primäre Ansätze für die komplexe Schnittstelle von Menschenhandel und Prostitution entwickelt.

Diese Ansätze lassen sich wie folgt zusammenfassen:

Die Befürworter der Abschaffung der Prostitution, auch Abolitionismus genannt, vertreten die Ansicht, dass Prostitution und Menschenhandel nach wie vor zusammenhängend betrachtet werden müssen, unabhängig davon, ob es sich tatsächlich um Menschenhandel zur sexuellen Ausbeutung im strafrechtlichen Sinn handelt (§232 StGB). Diese Sichtweise nimmt die beteiligten kriminellen TäterInnen sowie den männlichen sexuellen Anspruch und die Versachlichung von Frauen in der Gesellschaft in den Fokus. Die aus diesem Anspruch entstehende Nachfrage habe zu einem florierenden Sexhandel beigetragen, sowie dazu, dass viele Frauen, entweder gewaltsam, oder indirekt in die Prostitution gedrängt würden. Das Ziel der Verfechter dieses Ansatzes ist es, diese Abschaffung, durch Gesetzesänderungen durchzusetzen. Dies trifft vor allem auf Deutschland zu, wo Prostitution per Gesetzgebung legal ist. Als Vorbild dient das nordische Modell, welches den Kauf von sexuellen Dienstleistungen verbietet, aber Prostitution und somit nur die Freier unter Strafe stellt. Dieses Modell wurde bereits in den skandinavischen Ländern, Irland, Frankreich und weiteren europäischen Staaten in den letzten Jahren eingeführt.

Der gegensätzliche Ansatz, der die „Rechte von Sexarbeitern“ in den Mittelpunkt stellt, betrachtet Prostitution als einen Job wie jeden anderen. Aus dieser Sichtweise gilt Bekämpfung von Menschenhandel als Hype, der erst durch moralische und/oder ideologische Konflikte mit der Prostitution geschaffen wurde. Die Vertreter dieses Ansatzes verbinden Prostitution nicht direkt mit Menschenhandel, es sei denn, es gibt eindeutige strafrechtliche Beweise, dass eine Frau gegen ihren Willen in die Prostitution gezwungen wurde. Der Ansatz ist darauf ausgerichtet, Menschen in der Prostitution dahingehend zu bestärken, ihre Rechte als gleichwertig Berufstätige wahrnehmen zu können und somit die Stigmatisierung von Prostituierten aufzuheben. So wie abolitionistische Gruppen die gesellschaftliche Objektivierung von Frauen als Grundproblem betrachten, sehen viele Vertreter der Sexarbeiterrechte die moralische Verurteilung von Prostitution als größtes Hindernis für den Erfolg ihrer Bemühungen. Aus diesem Grund wird eine Sprache der Viktimisierung abgelehnt. Das in 2017 eigeführte Prostituiertenschutzgesetz wird von vielen Vertretern kritisch gesehen, da dieses aus ihrer Sicht die Rechte von Prosituierten massiv beschränkt, bzw. Sexarbeiterinnen diskriminiert und die Branche kriminalisiert.[2]

Der dritte Ansatz widmet sich der Bekämpfung des kriminellen Menschenhandels. Hierbei wird sich in erster Linie auf die strafrechtliche Verfolgung von Kriminellen konzentriert, die an Formen des Menschenhandels beteiligt sind. Diese Sichtweise kann dazu führen, dass ideologische Fragen rund um die Prostitution ignoriert werden. Der Ansatz konzentriert sich auf konkrete Möglichkeiten zur Durchsetzung der Gesetze zum Menschenhandel oder zur Verschärfung von Gesetzen, die zur Bestrafung von StraftäterInnen beitragen. VerfechterInnen dieses Ansatzes sind oftmals bei Organisationen tätig, die sich für die Stärkung der Rolle der Polizei und der Rechtsstaatlichkeit in Nationen einsetzen, in denen Probleme bei der Bekämpfung gegen kriminelle AkteurInnen und Systeme bestehen.

Jeder dieser Ansätze kann einzigartige und wertvolle Perspektiven bieten, um Frauen in der Prostitution und Betroffenen von Menschenhandel konkrete Hilfe anzubieten. Denn bei aller Unterschiedlichkeit, erkennen alle Ansätze an, dass Menschenhandel zur sexuellen Ausbeutung ein reales, existierendes Problem ist, für welches es effektive Lösungen und Hilfen für die Betroffenen benötigt. Die Auseinandersetzung mit jedem der Ansätze kann hilfreich sein, um die verschiedenen Standpunkte zu Menschenhandel und den Zusammenhang zu Prostitution besser zu verstehen.

Für uns ergeben sich, aus der Auseinandersetzung mit den oben dargestellten Ansätzen, folgende Grundsätze für unsere Arbei

[1] Vergleiche „The Mann Act“ von 1910.

[2] Das Prostituiertenschutzgesetz (ProstSchG) verlangt u.a. die behördliche Anmeldung aller im Prostitutionsgewerbe tätigen Personen sowie eine regelmäßige Gesundheitsberatung.


Wie stehen wir zu Prostitution?

Wir stehen der expansiven Natur der deutschen Sexindustrie in der Tat kritisch gegenüber. Wir sehen Prostitution nicht als einen Job wie jeden anderen. Wir sehen darin einen Schaden für Frauen, einen Schaden für Familien und einen Schaden für die Gesellschaft. Und wir wollen, dass sich das ändert.

Gleichzeitig ist die Förderung des Lebens derjenigen, die sich in dieser Situation befinden, unsere höchste Priorität. Unsere jahrelange Erfahrung in der direkten Arbeit mit Frauen in der Prostitution und mit Betroffenen des Menschenhandels hat uns gezeigt, dass sich die Frauen weder auf die Idee beziehen, befähigte Sexarbeiter zu werden, noch auf die Idee, Opfer zu sein. Hinter vielen der Frauen liegt ein traumatische Lebensgeschichte. Eine Welt des Missbrauchs, der Vergewaltigung und der geschlechtsspezifischen Ausbeutung. Prostitution ist nur ein weiterer Teil dieser miserablen Reise. Und dennoch sind es ihre Geschichten. Aber diese Geschichten beginnen nicht mit der Nachfrage von Männern in Deutschland, die in ein Bordell gehen wollen. Es gibt tiefere Systeme der Ausbeutung in ihrem Leben, die Sexindustrie ist oftmals nur eines davon.

Größte Triebkraft der Prostitution ist aus unserer Sicht die Armut und Aussichtslosigkeit vieler Frauen in Osteuropa. Dieser Umstand zwingt viele der Frauen dazu in die Sexindustrie mit all ihren Schattenseiten und ihrer zerstörerischen Sogkraft einzusteigen. Kriminelle Strukturen, Zuhälter und andere Formen der Abhängigkeit sind ein ebenso unbestreitbare Faktoren der Prostitution. Neben der hohen kriminellen Aktivität in der Sexindustrie, sehen wir auch die physischen und psychischen Schäden, welche durch die Tätigkeit in der Prostitution entstehen, als gefährlichste Nebenwirkung.

Dennoch stehen wir für eine akzeptierende Hilfe und Annahme jeder in der Prostitution tätigen Frau unter Berücksichtigung ihrer individuellen Bedürfnissen. Die Grundsätze unserer Arbeitsweise findet ihr weiter oben.